Abb. 1: Eine Waldohreule im Herbstlauf der Krone einer Esche, in einem Dorf im zentralen Teil des Oderbruchs, 06.11.2023.
© Dr. Jörg Hoffmann
Die Waldohreule
im Herbst gern gesellig
Die Waldohreule (Asio otus) – im Herbst gern gesellig in Baumkronen
Die Waldohreule ist ein lautloser Flieger. Ihre großen, runden Augen (Abb. 1) sind auf die präzise Sicht zur Jagd in der Dämmerung und in mondbeleuchteten Nächten spezialisiert. Hebt sie von ihrer Sitzwarte ab, ist ihr Flügelschlag geräuschlos. Still streicht sie davon, fliegt eine Schleife oder nähert sich blitzschnell ihrer Beute am Boden, um sie mit ihren scharfen Krallen zu packen.
Vorwiegend ernährt sich die Waldohreule von Mäusen, ganz überwiegend Feldmäusen. Aber auch andere Mäusespezis stehen auf ihrem Speisezettel. Gelbhalsmaus, Waldmaus, Brandmaus, Zwergmaus, Nordische Wühlmaus, Rötelmaus und Waldspitzmaus sind zu nennen. Gelegentlich passt die deutlich größere Wanderratte in ihr Beuteschema (BLOCK 2001). Aber auch größere Käfer, Heuschrecken, Maulwurfsgrillen, Regenwürmer und Schnecken können zum Nahrungsspektrum gezählt werden (BAUER et al. 2005)
Als Mäusejäger ist die Waldohreule in den Ortschaften ein durchaus geschätzter Nachbar und Mitbewohner, wenngleich auch Singvögel wie Haus- und Feldsperling, Buchfink, Amsel und Kohlmeise, seltener als Mäuse, für sie zur Beute gehören.
Für Brandenburg wurde der Bestand der Waldohreule, die man zur Brutzeit nur gelegentlich zu Gesicht bekommt, auf 3.000 bis 4.500 Brutpaare geschätzt (BLOCK 2001). Auch heute könnte die Zahl brütender Waldohreulen in dieser Größenordnung liegen. Allerdings wurde für den ehemaligen Kreis Strausberg bereits vor über 30 Jahren ein Rückgang des Bestandes vermutet (KÖHN & KOSZINSKI 1993), eine Entwicklung, die sich vielleicht bis heute fortgesetzt haben könnte. Genaue Kenntnisse darüber fehlen.
Vornehmlich siedelt die Waldohreule in der halboffenen Landschaft. Gehölze als Brutplatz, Rast- und Ruhebereiche sind Voraussetzung. Sie bevorzugt locker mit Gehölzen strukturierte Teilflächen in Ortslagen, meist in Dörfern mit bäuerlichem Charakter, umgeben von Feldern und Wiesen, in denen Gärten, Obsthaine, kleine Parkanlagen sowie verwilderte „Ecken“ vorkommen. Zudem werden Flurgehölze in der Agrarlandschaft und reich strukturierte Waldränder besiedelt.
Ein eigenes Nest baut die Waldohreule nicht. Sie nutzt bestehende Nester, meist die der Nebelkrähen, außerdem die von Elstern und Saatkrähen. Selten werden Kolkraben- oder Greifvogelhorste angenommen, so diese ungenutzt sind.
Im Herbst und Winter kann die Waldohreule regelmäßig an bestimmten Schlafplätzen angetroffen werden. Dort finden sich in den Baumkronen kleine Gruppen von etwa fünf bis zehn Tieren. Sehr selten wurden im Winter auch größere Ansammlungen festgestellt, wie eine Beobachtung Ende Januar 1997 ergab. Etwa 100 Tiere waren in den Biesdorfer Kehlen bei Wriezen nach Beobachtungen von M. Fiddicke versammelt.
Als Schlaf- und Ruhebäume dienen in der Herbstzeit die dann oft schon bunt belaubten Eschen, Birken und Linden (Abb. 2), sicher auch weitere Laubgehölzarten. Außerdem Koniferen, in denen sie im Schutz der Äste und Zweige den Tag verbringen. An den Schlafplätzen zeigen die Tiere meist wenig Scheu.
Nicht der ganze Tag wird verschlafen. Wachphasen wechseln mit Schlaf- oder Ruhepausen. Nicht selten wird von einzelnen Tieren auch bei Tageslicht und Sonnenschein von ihren Sitzwarten in den Baumkronen die Umgebung, vielleicht etwas schlaftrunken, beobachtet.
Ohne sich in der Sitzposition unnötig bewegen zu müssen, gelingt den Eulen leicht ein Rundumblick. Ihren Kopf können sie nach links oder rechts drehen, um gute 180 Grad (Abb. 3, 4) und nahezu unbemerkt die ganze Umgebung ins Visier nehmen. Fast scheint es, als würden sie dann einem möglichen Gegenüber ein wenig zulächeln (Abb. 5, 6), mit ihren beinahe hypnotisch wirkenden kreisrunden, schwarz-orangerot gefärbten Augen.
Literatur:
KÖHN, K.H., KOSZINSKI, A. 1993: Waldohreule – Asio otus (L., 1758). – In: HOFFMANN, J., KOSZINSKI, A.: Die Vogelwelt im Landkreis Strausberg. Tastomat, Eggersdorf: 147-148.
BLOCK, B. 2001: Waldohreule – Asio otus (Linnaeus 1758). – In: ABBO: Die Vogelwelt von Brandenburg und Berlin. Natur & Text, Rangsdorf: 388-391.
BAUER, H.-G., BEZZEL, E., FIEDLER, W. (Hrsg.) 2005: Asio otus – Waldohreule. Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Aula, Wiebelsheim: 712-715.
Fotos: Jörg Hoffmann
Zum Autor:
Jörg Hoffmann beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der heimischen Natur. Besonders interessieren ihn die Artengruppen Vögel, Gefäßpflanzen und Tagfalter der Region sowie der Naturschutz. Er promovierte auf den Gebieten der Landwirtschafts- sowie der Naturwissenschaften. Gut 40 Jahre arbeitete er als Wissenschaftler in den Forschungsinstituten in Müncheberg, Braunschweig und Kleinmachnow. Er publizierte ca. 300 Fachbeiträge in Zeitschriften und Büchern. Eine jüngere Langzeitstudie befasste sich mit den Veränderungen der Biodiversität unserer Landschaften (HOFFMANN, J. 2023: Biodiversität im Zeitvergleich. Strukturelemente und Nutzungen räumlich identischer Ackerbaugebiete 1991-1993 und 2018-2021. Auswirkungen auf die Biodiversität. Berichte aus dem Julius Kühn-Institut 224: 940 S. https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00088315 ).
Textquelle: Dr. Jörg Hoffmann
Datum: 27.10.2026
Abb. 2: Eine Waldohreule in einem Sommerlindenbaum beobachtet aufmerksam das Geschehen, in einem Dorf südlich von Müncheberg, 19.10.2026.
Abb. 3: Die Waldohreule kann ihren Kopf gut drehen und dadurch rundherum ihre Umgebung ins Visier nehmen, in einem Dorf südlich von Müncheberg, 19.10.2026.
Abb. 4: Der hier nach hinten gerichtete Blick der Waldohreule lässt Neugier, Erstaunen, tiefgründige Musterung, vielleicht sogar Hypnosewirkung auf ihr Gegenüber vermuten, in einem Dorf südlich von Müncheberg, 19.10.2026.
Abb. 5: Könnte ihr Gesichtsausdruck vielleicht sogar entspanntes Lächeln zeigen? In einem Dorf südlich von Müncheberg, 19.10.2026.
Abb. 6: Dem aufmerksamen Blick der Waldohreule aus dem Kronendach einer Esche scheint kaum etwas zu entgehen, in einem Dorf im zentralen Teil des Oderbruchs, 06.11.2023.
Dieser Artikel wurde erstellt durch:
Redaktion MOL Nachrichten
Dr. Jörg Hoffmann
