Die Engelsüß in einem stark geneigten Waldhang nahe dem Schwarzen See bei Buckow, unter Traubeneichen. 08. Dezember 2025.
© Dr. Jörg Hoffmann
Die Engelsüß
ein süßer Farn mit Heilkräften zur Winterzeit
Die Engelsüß (Polypodium vulgare), ein süßer Farn mit Heilkräften zur Winterzeit
Der Gattungsname Polypodium wurde aus dem griech. polys = viel und podion = Füßchen abgeleitet, was auf die fiederschnittigen Blätter, die mit Füßchen verglichen wurden, bezogen werden kann (DOSTAL 1984).
Weshalb aber der deutsche Name „Engelsüß“? Die süß schmeckenden Wurzeln von Polypodium vulgare wurden früher als eine Leckerei sowie auch als Heilmittel gegen Husten verwendet, was zur Vergabe des deutschen Namens Engelsüß führte, wie er heute meist in den Pflanzenbüchern steht. Aber es gab auch zahlreiche weitere regionale Volksnamen, z. B. Engelsoite in Hannover, söt Engelken in Lübeck, Süßwurzel in Mitteldeutschland, Seeholz in der Eifel sowie Süßholz in der Schweiz, die jedoch meist in Vergessenheit geraten sind. Weitere frühere umgangssprachliche Namen wie Göumlich und Gönichen sollen zu mittelhochdeutsch „goumel“ = Schützer gehören, wegen der großen Heilkraft des Farns (DOSTAL 1984).
Farne haben eine sehr lange Entwicklungsgeschichte durchlaufen, die sich nach der Besiedlung der Landmassen durch zuvor im Wasser lebende Organismen bildeten. Fossile Funde erster Landpflanzen stammen aus dem frühen Mittelordovizium, einer Zeitphase vor ca. 473-471 Millionen Jahren, damals im östlichen Gondwana, heute Argentinien (RUBINSTEIN et al. 2010). Die Abspaltung der ersten Farne von diesen gemeinsamen Vorfahren mit den Samenpflanzen erfolgte vor mehr als 366 Millionen Jahren. In der Zeit danach kam es zur Bildung vieler Farngattungen und Arten. Heute zählt man weltweit über 10.500 Farnarten (MARCHANT et al. 2022), in Deutschland jedoch nur etwa 100 Arten der heimischen Farn-Flora, zu denen auch die Engelsüß (Abb. 1) gehört.
Die Gattung Polypodium ist weltweit mit rund 100 Arten vertreten, die vorwiegend in den Tropen und Subtropen, besonders in Amerika, wachsen. In Europa finden sich nur drei Arten (DOSTAL 1984: S. 279ff), in Märkisch-Oderland einzig Polypodium vulgare. Dieser Farn siedelt meist in kleinen Pflanzengruppen (vgl. Abb. 1), seltener in größeren, flächigen Beständen (Abb. 2).
Die wintergrüne Engelwurz kann leichter in der Winterzeit entdeckt werden, wenn sich die kräftig grünen Farnblätter besser von der Umgebung abheben. Sie wächst in unserer Gegend selten bis sehr zerstreut in den Waldgebieten und kommt vornehmlich an schattigen Hohlwegen, Kehlen und hängigen Waldstücken, z. B. in einigen der Schluchten in der Märkischen Schweiz vor. Seltener besiedelt die Engelwurz ebene bis leicht wellige Flächen. In Gebieten mit feuchterem Klima, kann sie zudem auch auf Bäumen wachsend angetroffen werden.
Auf den Blattunterseiten sind deutliche „Musterstrukturen“, kleine Punkte in linienförmiger Anordnung, erkennbar (Abb. 3). Dabei handelt es sich um rundlich angeordnete Sori, Gruppen von Sporangien (Sporenbehälter), die die Sporen für die Fortpflanzung des Farns enthalten. Diese können bei Reife eine große Anzahl von Farn-Sporen freisetzen, die durch den Wind leicht verbreitet werden.
Vielleicht rührt der neben Engelsüß auch für den Farn verwendete deutsche Name Tüpfelfarn aus den punkt- bzw. tüpfelförmigen Mustern der Sori auf den Blattunterseiten her.
Literatur:
DOSTAL, J. 1984: 1. Polypodium. – In: Hegi, G.: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Pteridophyta, Spermatophyta. Band I Pteridophyta. Teil 1. Paul Parey, Berlin, Hamburg: 279-283.
MARCHANT, D. B. et al. 2022: Dynamic genome evolution in a model fern. Nature plants: 1038-1051. www.nature.com/naturepalnts
RUBINSTEIN, C.V., GERRIENNE, P., DE LA PUENTE, G.S., ASTINI, R.A., STEEMANS, P. 2010: Early Middle Ordovician evidence for land plants in Argentina (eastern Gondwana). New Phytologist Foundation 188/2: 365-369.
Zum Autor:
Jörg Hoffmann beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der heimischen Natur. Besonders interessieren ihn die Artengruppen Vögel, Gefäßpflanzen und Tagfalter der Region sowie der Naturschutz. Er promovierte auf den Gebieten der Landwirtschafts- sowie der Naturwissenschaften. Gut 40 Jahre arbeitete er als Wissenschaftler in den Forschungsinstituten in Müncheberg, Braunschweig und Kleinmachnow. Er publizierte ca. 300 Fachbeiträge in Zeitschriften und Büchern. Eine jüngere Langzeitstudie befasste sich mit den Veränderungen der Biodiversität unserer Landschaften (HOFFMANN, J. 2023: Biodiversität im Zeitvergleich. Strukturelemente und Nutzungen räumlich identischer Ackerbaugebiete 1991-1993 und 2018-2021. Auswirkungen auf die Biodiversität. Berichte aus dem Julius Kühn-Institut 224: 940 S. https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00088315 ).
Datum: 27.12.2025
Dichter Engelsüßbestand unter Traubenreichen nahe dem Schwarzen See bei Buckow. 08. Dezember 2025.
© Dr. Jörg Hoffmann
Unterseite eines Blattes des Engelsüß mit den kammartig angeordneten Blattfiedern und darauf die linienförmige „Punkt-Musterung“ der rundlichen Sori, die zwischen dem Blattrand und der Mittelrippe angeordnet sind. Waldböschung nahe dem Schwarzen See
© Dr. Jörg Hoffmann
Dieser Artikel wurde erstellt durch:
Redaktion MOL Nachrichten
Dr. Jörg Hoffmann
